Skip to content

Von einem Ort, an dem jeder sein darf was er will

Von einem Ort, an dem jeder sein darf was er will published on Keine Kommentare zu Von einem Ort, an dem jeder sein darf was er will

Ich bin spät dran. In etwa 30 Minuten macht der Laden zu. Als ich dort eintrete ist davon aber nicht viel zu merken. So ungefähr habe ich mir immer den Trubel in einem Konsum in der DDR vorgestellt wenn es dort Südfrüchte gab. Ich überlege kurz wieder zu gehen. Nein. Da muss ich jetzt durch.

Karneval ist ja nie so mein Ding gewesen. Auf Knopfdruck fröhlich sein, und dann in Verkleidung Bier trinken. Obwohl …. Biertrinken kann ich eigentlich ….
Seit mich der Dienstherr vor über fünf Jahren an den Standort Aachen versetzt hat, komme ich um das Thema Karneval nicht mehr so ganz herum. Zumal in unserer Kaserne an Weiberfastnacht jedes Jahr eine fast schon legendäre Party stattfindet, bei der man streng genommen nicht fehlen darf. Als ich im ersten Jahr dort hin gegangen bin, ging ich ohne Kostüm. Sozusagen aus Protest. Zu meinem Erstaunen war die Veranstaltung toll und so etwas fröhliches und harmonisches habe ich selten erlebt. Es war einfach eine tolle Party, nur eben in Verkleidung. Und im Jahr darauf hatte ich immerhin schon ein T-Shirt an, das mit dem Aufdruck „Das ist meine Verkleidung“ versehen war.
In diesem Jahr sollte es soweit sein: Zum ersten mal ein richtiges Kostüm. Als Thema hatten wir uns innerhalb einer kleinen Partygemeinschaft auf Rockabilly verständigt. Mein Vorschlag doch als Gemeinschaftskostüm Bierkasten zu gehen konnte sich nicht durchsetzen.
Über einen Onlinehändler meines Vertrauens hatte ich bereits eine passende Montur samt Perücke zur Hand. Als ich das Kostüm dann mit mir vor dem Spiegel betrachtete, sagte ich zu mir: „Das fetzt eigentlich nur richtig, wenn wallendes Brusthaar aus dem Hemd kuckt.“ Nur leider oder gottseidank bin ich damit nicht sehr reich gesegnet. Drei Haare auf der Brust machen eben doch keinen Bär.

Auf der Suche nach künstlichem Brusthaar bin ich nun in diesem Karneval-Superstore gelandet. Aus kreischenden Lautsprechern dröhnen die Karnevalshits der aktuellen Session. Ich versuche es zunächst in der Abteilung Perücken. Daneben das Regal mit Strumpfhosen. Zwei Damen erörtern gerade in welcher Strumpfhose „et Fett“ wohl am wenigsten friert. Als ich über das Perückenregal hinweg schaue sehe ich Catwoman. Ich habe diesen Film zwar nie gesehen, bin mir aber sehr sicher, dass Catwomen garantiert nicht so einen ausladenden Hintern hat. Catwoman ist mit ihrem Nachwuchs hier, der sich offensichtlich nicht zwischen Super- und Spiderman entscheiden kann.
Bei den Perücken gibt es jedenfalls kein Brusthaar. Ich suche nach einer Verkäuferin. In der Plüschabteilung zwängt sich ein Bär gerade in ein Hasenkostüm und meint „ey wennisch da kacken muss, bis isch dat wieder ussjezogen hab, da isses zu spääät…“.
Dann finde ich eine Verkäuferin. Überraschender Weise ist sie nicht verkleidet. „Ich suche ein Brusthaartoupet. Haben sie sowas?“, brülle ich gegen die Karnevalsmucke an. Die Dame mustert mich von oben bis unten und zurück. „Reischt et nisch wat ihnen die Natur zur Verfühjung jeställt hat?“ Sie grinst schelmisch. Ich nicht. „Naja, versuchen se et mal bei die Bärte.“
Auf dem Weg zu den Bärten komme ich an einem Piraten mit Papagei auf der Schulter vorbei, der gerade vor einem Spiegel verschiedene Augenklappen und Enterhaken an sich testet.
An Bartformen und –farben mangelt es nicht. Und nach etwas Wühlen finde ich sogar das wonach ich suche. Ich bin entzückt, ertappe mich sogar wie ich auf dem Weg zur Kasse etwas im Takt der Karnevalsmucke mitwippe. In der Warteschlange blicke ich nochmal zurück. Catwoman hat sich leider nicht für eine Nummer größer entschieden, dafür ist der kleine Junge jetzt ein Ninja Turtle. Der Bär aus dem Hasenkostüm steckt jetzt in einem Polizistenoutfit mit Plüsch-Handschellen in der Hand. Die beiden aus der Strumpfhosen-Abteilung haben sich für etwas weiß-lila gestreiftes entschieden und stehen nun vor mir an der Kasse.

Auf dem Weg zum Auto komme ich ins Grübeln. Eigentlich ist es doch schön, dass man wenigstens einmal im Jahr sein kann, wer man gern sein möchte. Dass man sich einmal im Jahr ganz legitim hinter einer Maske verstecken kann. Wie viele Menschen sich wohl im Alltag hinter einer Maske verstecken, ohne dass wir es merken. Wie gerne man manchmal jemand anderes wär. Und eine Uniform, die man im Dienst trägt hat auch etwas von Verkleidung. … Egal. Ich bin wie ich bin und habe jetzt ein Brusthaartoupet.

Mein Brusthaartoupet war übrigens der Renner auf der Party.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Primary Sidebar

%d Bloggern gefällt das: