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Autogespräche

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A45. Nachts so gegen 2 Uhr. Wir fahren schon eine ganze Weile schweigend vor uns hin. Mein Kumpel fährt, ich döse etwas angetütert von der Party vor mich hin.
„Ich bin übrigens trockener Alkoholiker“, unterbricht er plötzlich die Stille. „Ich meine nur, vielleicht wunderst Du Dich, dass ich keinen Alkohol trinke. Bisher weiß eigentlich niemand von meiner Alki-Kariere. Aber ich finde Du solltest es wissen.“
Ich richte mich etwas auf, schaue ihn an.
„Nein. Hat mich nicht gewundert. Ich dachte Du magst einfach kein Bier.“
Was folgt ist ein langes Gespräch darüber, wie man in die Sucht gerät, wie man wieder raus kommt oder auch nicht und wie unsere Gesellschaft es eigentlich gar nicht so recht akzeptiert, wenn Menschen auf einer Party einfach Alkohol ablehnen, ja dass diese Menschen da teilweise regelrecht ausgegrenzt werden. Und ich erfahre Dinge, die ich nie von ihm auch nur im Geringsten vermutet hätte.
Es ist eine Unterhaltung aus der ich viel für mich mitnehme und lerne. Für meinen Kumpel ist es hingegen erleichternd, dass er mir das alles erzählt.

A40. Rückweg von einer Familienfeier. Sie unterbricht die Stille mit der Frage „Liebst Du mich eigentlich noch?“. Was folgt ist ein Gespräch, das schon längst fällig gewesen wäre und am Ende der Fahrt ist auch die Beziehung zu ende, trotzdem steige ich irgendwie erleichtert aus dem Auto.

A4. Eine Dienstreise nach Leipzig. Der Kamerad am Steuer stellt die Frage „Habt ihr Euch schon mal im Einsatz so richtig in die Hose geschissen?“ Er berichtet davon wie er das erste mal auf einer Patrouillenfahrt in Afghanistan beschossen wurde. Von seiner Angst das nicht zu überleben und seine Familie nie wieder zu sehen, und wie er seit seiner Rückkehr versucht damit klar zu kommen. Wir sitzen auf dieser langen Fahrt zu viert im Auto und jeder beginnt von seinen Angsterlebnissen aus dem Einsatz zu erzählen. Und eines steht fest: Das Gesprochene bleibt in dieser Fahrgastzelle. Für immer.

Als Kind war ich mal sehr trotzig und bin komplett ausgetickt. Meine Mutter wusste sich nicht mehr zu helfen und rief meinen Vater an. Mein Vater kam, packte mich ins Auto und fuhr mit mir auf einen Parkplatz zu dem Kiosk, wo er mir schon oft eine Wundertüte gekauft hatte. Diesmal gabs ein Eis. Und im Auto ein Gespräch über Wut, Zorn, Tränen und Dinge, die das Auslösen und alles was mich in diesem Moment so sehr bewegte. Denn als Scheidungskind fiel mir der ständige Wechsel in den recht unterschiedlichen Welten von meiner Mutter und meinem Vater nicht immer leicht. Als ich aus dem Auto wieder aussteige kann ich wieder lachen und kann zumindest für eine ganze Zeit meine Sorgen im Auto zurücklassen.

Es gibt viele Orte an denen man solche Gespräche führen kann. In Filmen wird uns immer vermittelt, dass diese Gespräche am Abend im Bett und im Schutz der Dunkelheit stattfinden. Das mag vielleicht so sein. Ich habe jedoch viele solcher Gespräche in einem Auto geführt. Es mag auf den ersten Blick komisch klingen, dass ausgerechnet ein Auto die passende Umgebung dafür ist. Je länger ich drüber nachdenke, scheint diese Umgebung jedoch geradezu optimal: Keiner der Anwesenden kann die Flucht ergreifen, zumindest nicht während das Auto rollt. Die Gefahr, dass unbeteiligte mithören ist mehr als gering. Der Fahrer hat einen guten Grund warum er dem oder der anderen nicht dabei in die Augen schauen muss. Wenn durch Tränen die Wimperntusche verschmiert gibt’s für die Beifahrerin direkt nen Spiegel, um das wieder in Ordnung zu bringen. Und wenn man sich am Ende nichts mehr zu sagen hat, kann man das Radio laut anmachen.

Autogespräche. Vielleicht auch eine Möglichkeit die Krisen in unserer Welt zu beseitigen. Wer weiß.

Shantychor

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Wochenende. Meine Kur hat zwei Tage Pause. Sankt Peter Ording ist am Anfang des Jahres eher ruhig. Doch die ersten Sonnenstrahlen in diesen Tagen haben einige Menschen in Richtung Strand gelockt. Das ist auch mein Ziel. Auf dem Weg zur Brücke, die zum Strand führt, liegt das Dünen-Hus. DER Veranstaltungsort für Kulturelles hier im Ort. Heute steht der örtliche Shantychor „Die Strandräuber“ auf dem Programm. Ich bin neugierig und ändere meinen Plan von Strand auf Kultur.

Die Zuschauerreihen sind dicht gefüllt. Ich nehme auf einer der äußeren Bänke vor der Außenbühne platz. Herrliches Wetter, nur etwas frischer Wind. Die Shantychorknaben haben sich in den vorderen Bankreihen versammelt. Durchweg Herren im Rentenalter. Weiße Hemden, schwarze Hosen, rote Halstücher, Seemannshüte. Einige rauchen Pfeife, andere genießen die Sonne, andere wiederum erzählen sich den neuesten Dorfschnack. Von Aufregung oder Lampenfieber keine Spur. Noch fünf Minuten bis zum Auftritt. Von rechts kommt jemand auf dem Fahrrad gemütlich angeradelt. Aus dem Pulk der Sänger ruft einer „Mensch Hein! Du? schon hier? Wir beginnen doch erst in fünf Minuten“, der bereits anwesende Teil vom Chor lacht lauthals und klopft sich auf die Schenkel. Hein macht ein Pokerface.

Plötzlich knattert von links ein Zweitakt-Dreirad vor die Bühne. Es wird von einem schnieken Typ um die 40 in Maßanzug gefahren, auf dem Beifahrersitz eine lächelnde Blondie mit einem Tablett Pinnchen und eine Flasche Korn in der Hand. Ich reime mir aus dem Gemurmel links und rechts von mir zusammen, dass es sich um den Besitzer des angrenzenden Spa Hotels handelt. „Ihr glaubt doch nicht, dass ihr anfangen könnt ohne, dass ich ne Runde Korn ausgegeben habe!“. Es scheint nicht zum ersten Mal so zu sein. Die Pinnchen werden gefüllt und verteilt. Dann heben alle das Glas, ein Ton wird angestimmt.
Das amtlich festgelegte Trinklied erschallt:

„Da wo man Koooorn trinkt, und ein Lieieieiedchen singt,
da isses schööööööhön auf der Welt!
Da wo man nach Hause kommt, und die Alte brommt,
da isses nich schööööhön auf der Welt!“

Dann Kopp im Nacken und weg mit dem Zeug! Der Anzugtyp und die Blondiene teilen den Rest aus der Flasche unter sich auf und knattern davon, während der Chor in einer Tür verschwindet und kurz darauf auf der Bühne erscheint. Der Chor etwas weiter hinten, vorne in der Mitte der Bambustrommeltrommler, rechts einer mit Akkordeon, links der Bassist.

Der Bassist ist ein Bassist wie er im Buche steht. Auch wenn es sich um einen Shantychor und nicht um eine Rockband handelt, der Bassist erfüllt jedes ihm zugedachte Klischee. Absolut ohne Mimik steht er stumpf und überwiegend bewegungslos in der Ecke und zupft seinen Bass. Seine Ähnlichkeit mit der Schauspielerin Brigitte Mira verblüfft mich. Brigitte Mira in männlich.

Der Akkordeonmann ist der Chef der Truppe. Er kündigt die einzelnen Lieder an und erzählt zwischendurch Anekdoten und Seemannsgarn. Ich muss ein paar mal herzlichst lachen. Fast jedes Lied hat an irgendeiner Stelle einen Solopart, der jeweils von einem anderen Chormitglied bestritten wird. Der Akkordeonmann stellt die Solisten vor dem Lied vor, und lässt es sich dabei nicht nehmen in charmanter, lustiger Art und in friesisch breiter Mundart eine körperliche oder charakterliche Eigenschaft des entsprechenden Solisten hervorzuheben. So z.B. bei Klaus:

„Sooo. Un das nääächste Lied, da kommt der Klaus nach vorn und singt een Solo. Nur damit sie sich nich wundern, der Klaus steht nich in einem Loch, der is wirklich so klein.“

Eine gute Stunde geht das so und es kommt gut an beim bunt gemischten Publikum. Ich stehe zwar nicht so sehr auf Shanty, aber die Anekdoten und die Stimmung tragen mich durch eine sehr amüsante Stunde. Die Typen sind einfach nur sympathisch und sie haben Spaß an dem was sie tun.

Anschließend setze ich meinen ursprünglichen Plan fort und mache einen ausgedehnten Spaziergang am Strand. Die Seeluft tut gut. Manch ein Shantyliedchen hat sich als Ohrwurm bei mir festgesetzt.
Ich atme tief ein und denke mir: Nicht nur da wo man Korn trinkt und ein Liedchen singt, isses schön auf der Welt. Sondern auch dort wo einem bei Sonnenschein die salzige Seeluft um die Nase weht.

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