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Hauptstadt-Triathlon 2018

Hauptstadt-Triathlon 2018 published on Keine Kommentare zu Hauptstadt-Triathlon 2018

In meinem zweiten Triathlonjahr wollte ich an größeren Veranstaltungen fernab der Heimat teilnehmen. So zieht es mich für meinen ersten Triathlon in diesem Jahr in die Bundeshauptstadt. Auf dem Plan steht noch einmal eine Sprintdistanz, um das neue Rennrad und den Neoprenanzug unter Wettkampfbedingungen zu testen. Da ich die letzten Monate viel mit Krankheiten zu kämpfen hatte wird das nun der ultimative Test, ob ich ich überhaupt an der geplanten Kurzdistanz in Hamburg teilnehmen werde.

Am Vorabend schon die erste schlechte Nachricht: Die Wassertemperatur in der Spree liegt bei 23,8 Grad. Das bedeutet Schwimmen ohne Neopren. Die offizielle Messung am Wettkampftag bestätigt das.

Bevor meine Startwelle ins Wasser darf, gehen noch die Teilnehmer der Kurzdistanz ins Wasser. Der letzte Schwimmer dieser Gruppe kämpft sich mühsam nach über einer Stunde in Richtung Ufer. Einer der Helfer springt spontan ins Wasser und schwimmt ihm entgegen, um ihn zu motivieren. Als die beiden gemeinsam aus dem Wasser kommen, setzt großer Applaus ein. Die Stimmung ist super.

Dann dürfen wir Sprinter ins Wasser und an die Startlinie schwimmen. In mir steigt schon wieder diese leichte Panik auf wie in den letzten beiden Wettkämpfen. Als das Startsignal ertönt und ich los schwimme nehme ich gleich zweimal einen kräftigen Schluck Wasser und bekomme zwei Tritte in die Seite, und ich brauche sehr lange, um richtig in meinen Schwimmrhytmus zu finden. Fast die Hälfte der Strecke kämpfe ich mit Panik und damit die Orientierung zu finden. Aber die zweite Hälfte läuft super, ich kann sogar zwischendurch mal in den Kraulstil wechseln. Nach 21 Minuten steige ich aus der Spree zusammen mit sehr vielen anderen und es sind noch reichlich Leute hinter mir im Wasser. Trotz der Schwierigkeiten bin ich also gar nicht so schlecht unterwegs.

Der Weg zur Wechselzone ist ziemlich lang. Und dann brauche ich auch noch relativ lange, um Shirt und Radschuhe anzuziehen. Helm und Sonnenbrille auf, Startnummer um die Hüfte und rauf aufs Rad. Die Radstrecke hat lang gezogenen Graden und Windschattenfahren ist erlaubt. Alle sind mit hohem Tempo unterwegs. Ich bin sehr stolz auf meine 30 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit, aber die meisten sind noch deutlich schneller unterwegs, ich werde reichlich von anderen überholt. Trotzdem wird das am Ende des Tages meine beste Disziplin sein.

Auf der Radstrecke.

Der zweite Wechsel geht deutlich schneller. Nach etwa einem Kilometer laufen dann der Einbruch. Irgendwie fehlt mir die Energie. Ich muss kürzer treten. Aber das ist mir egal. Von den beiden Wettkämpfen im letzten Jahr weiß ich, wenn man erst mal auf der Laufstrecke ist, dann kommt man auch ins Ziel. Egal wie. Die Laufstrecke geht erst entlang der Radstrecke und dann durch einen Park mit angenehm viel Schatten. Unterwegs treffe ich auf Leute, die genauso kämpfen müssen wie ich. Die letzten 300 Meter stehen hunderte von Leuten am Rand und feuern die Zieleinläufer an. Eine Sambatruppe trommelt allen ordentlich ein. Ein toller Zieleinlauf!

Der Blick auf die Uhr sagt: Fast so schnell wie mein allererster Triathlon im letzten Jahr. Mit meinem ordentlichen Trainingsrückstand hätte ich das nicht erwartet.

Insgesamt ist dieser Triathlon besser gelaufen als ich dachte. Das beruhigt mich sehr. Auch wenn mein Trainingsplan definitiv nicht aufgegangen ist, so denke ich dennoch, dass es für Hamburg reichen wird. Vielleicht nicht mit der gewünschten Zeit, aber ins Ziel werde ich kommen.

Stille Nacht

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Auch in diesem Jahr gibt es Soldaten, die den Heilig Abend im Einsatzland fern von ihren Liebsten verbringen müssen. Ich selbst habe diese Erfahrung gottseidank bisher nur einmal machen müssen. Aber dieser Heilige Abend wird mir für immer in Erinnerung bleiben.

In dem großen Verpflegungszelt steht ein geschmückter Weihnachtsbaum. Schummeriges Licht und Kerzen sollen wenigstens für etwas besinnliche Stimmung sorgen. Als im August durch das Einsatzführungskommando in Deutschland abgefragt wurde, wie viele Weihnachtsbäume in diesem Jahr für das deutsche Einsatzkontingent in Kabul benötigt werden, hat das noch ein leichtes Schmunzeln bei mir ausgelöst. Der Termin für die Anforderung von Weihnachtskulturmaterial ist bestimmt in irgendeinem logistischen Konzept für den Einsatz festgeschrieben. Da bin ich sicher.
Fast Alle Soldaten, die in dieser Stunde nicht irgendwo im Missionsgeschehen eingebunden sind, sind hier versammelt. Von meinen knapp 70 Männern sind alle da bis auf zwei. Einer liegt krank im Bett, vom zweiten berichtet mir einer meiner Feldwebel, dass er sich abgemeldet hat, weil er sich ebenfalls krank fühlt.
Es gibt Hirschgulasch, Knödel und Rotkohl. Es gibt für jeden sogar ein Geschenk: Ein Taschenmesser mit integrierter LED-Taschenlampe. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Auch wenn es gar nicht mal so ungemütlich ist, ich kann jedem aus dem Gesicht lesen, dass er eigentlich jetzt lieber mit Zuhause telefonieren würde anstatt hier zu sitzen.

Nach dem Weihnachtsessen gehe ich auf dem Weg zu meiner Unterkunft noch an meinem Arbeitsplatz vorbei, weil ich dort das Ladekabel für mein Handy vermute. Ich stutze, denn die Tür ist offen. Dann stutze ich nochmal: Ganz allein mit einer Kerze vor sich sitzt er da mit Tränen im Gesicht. Also hat er sich nicht einfach nur abgemeldet weil er sich krank fühlt. Ich schließe die Tür und setze mich zu ihm. Eine ganze Weile schweigen wir uns an. Irgendwann bricht er sein Schweigen. Er erzählt wie er an einem Heilig Abend beide Zwillinge mit einem Schlag durch einen plötzlichen Kindstod verlor. Wie er panisch versuchte beide gleichzeitig wiederzubeleben, während seine Frau den Krankenwagen gerufen hat. Von dem Hoffen und Bangen als der Notarzt alles versuchte, und von dem Moment als klar war, dass alle Mühen umsonst waren. Von der Zeit danach, und dass seitdem Weihnachten nicht mehr wie Weihnachten ist.
In meiner Ausbildung habe ich zum Thema Menschenführung vieles darüber gelernt wie man solche Situationen handhaben soll. Doch jetzt in diesem Moment lässt sich nichts davon anwenden.

Mein Zeitgefühl ist völlig weg. Irgendwann trocknen seinen Tränen und wir erzählen uns lustige Geschichten und von unseren peinlichsten Weihnachtserlebnissen. Als wir aufstehen, um zu gehen, nimmt er mich in den Arm. „Danke fürs zuhören.“

Auf dem Weg zur Unterkunft begegne ich niemandem. Meine Gedanken kreisen. Mir wird klar wie viel Glück ich eigentlich bisher im Leben hatte. Der Himmel ist sternenklar, alles ist still. Stille Nacht.

Autogespräche

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A45. Nachts so gegen 2 Uhr. Wir fahren schon eine ganze Weile schweigend vor uns hin. Mein Kumpel fährt, ich döse etwas angetütert von der Party vor mich hin.
„Ich bin übrigens trockener Alkoholiker“, unterbricht er plötzlich die Stille. „Ich meine nur, vielleicht wunderst Du Dich, dass ich keinen Alkohol trinke. Bisher weiß eigentlich niemand von meiner Alki-Kariere. Aber ich finde Du solltest es wissen.“
Ich richte mich etwas auf, schaue ihn an.
„Nein. Hat mich nicht gewundert. Ich dachte Du magst einfach kein Bier.“
Was folgt ist ein langes Gespräch darüber, wie man in die Sucht gerät, wie man wieder raus kommt oder auch nicht und wie unsere Gesellschaft es eigentlich gar nicht so recht akzeptiert, wenn Menschen auf einer Party einfach Alkohol ablehnen, ja dass diese Menschen da teilweise regelrecht ausgegrenzt werden. Und ich erfahre Dinge, die ich nie von ihm auch nur im Geringsten vermutet hätte.
Es ist eine Unterhaltung aus der ich viel für mich mitnehme und lerne. Für meinen Kumpel ist es hingegen erleichternd, dass er mir das alles erzählt.

A40. Rückweg von einer Familienfeier. Sie unterbricht die Stille mit der Frage „Liebst Du mich eigentlich noch?“. Was folgt ist ein Gespräch, das schon längst fällig gewesen wäre und am Ende der Fahrt ist auch die Beziehung zu ende, trotzdem steige ich irgendwie erleichtert aus dem Auto.

A4. Eine Dienstreise nach Leipzig. Der Kamerad am Steuer stellt die Frage „Habt ihr Euch schon mal im Einsatz so richtig in die Hose geschissen?“ Er berichtet davon wie er das erste mal auf einer Patrouillenfahrt in Afghanistan beschossen wurde. Von seiner Angst das nicht zu überleben und seine Familie nie wieder zu sehen, und wie er seit seiner Rückkehr versucht damit klar zu kommen. Wir sitzen auf dieser langen Fahrt zu viert im Auto und jeder beginnt von seinen Angsterlebnissen aus dem Einsatz zu erzählen. Und eines steht fest: Das Gesprochene bleibt in dieser Fahrgastzelle. Für immer.

Als Kind war ich mal sehr trotzig und bin komplett ausgetickt. Meine Mutter wusste sich nicht mehr zu helfen und rief meinen Vater an. Mein Vater kam, packte mich ins Auto und fuhr mit mir auf einen Parkplatz zu dem Kiosk, wo er mir schon oft eine Wundertüte gekauft hatte. Diesmal gabs ein Eis. Und im Auto ein Gespräch über Wut, Zorn, Tränen und Dinge, die das Auslösen und alles was mich in diesem Moment so sehr bewegte. Denn als Scheidungskind fiel mir der ständige Wechsel in den recht unterschiedlichen Welten von meiner Mutter und meinem Vater nicht immer leicht. Als ich aus dem Auto wieder aussteige kann ich wieder lachen und kann zumindest für eine ganze Zeit meine Sorgen im Auto zurücklassen.

Es gibt viele Orte an denen man solche Gespräche führen kann. In Filmen wird uns immer vermittelt, dass diese Gespräche am Abend im Bett und im Schutz der Dunkelheit stattfinden. Das mag vielleicht so sein. Ich habe jedoch viele solcher Gespräche in einem Auto geführt. Es mag auf den ersten Blick komisch klingen, dass ausgerechnet ein Auto die passende Umgebung dafür ist. Je länger ich drüber nachdenke, scheint diese Umgebung jedoch geradezu optimal: Keiner der Anwesenden kann die Flucht ergreifen, zumindest nicht während das Auto rollt. Die Gefahr, dass unbeteiligte mithören ist mehr als gering. Der Fahrer hat einen guten Grund warum er dem oder der anderen nicht dabei in die Augen schauen muss. Wenn durch Tränen die Wimperntusche verschmiert gibt’s für die Beifahrerin direkt nen Spiegel, um das wieder in Ordnung zu bringen. Und wenn man sich am Ende nichts mehr zu sagen hat, kann man das Radio laut anmachen.

Autogespräche. Vielleicht auch eine Möglichkeit die Krisen in unserer Welt zu beseitigen. Wer weiß.

Shantychor

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Wochenende. Meine Kur hat zwei Tage Pause. Sankt Peter Ording ist am Anfang des Jahres eher ruhig. Doch die ersten Sonnenstrahlen in diesen Tagen haben einige Menschen in Richtung Strand gelockt. Das ist auch mein Ziel. Auf dem Weg zur Brücke, die zum Strand führt, liegt das Dünen-Hus. DER Veranstaltungsort für Kulturelles hier im Ort. Heute steht der örtliche Shantychor „Die Strandräuber“ auf dem Programm. Ich bin neugierig und ändere meinen Plan von Strand auf Kultur.

Die Zuschauerreihen sind dicht gefüllt. Ich nehme auf einer der äußeren Bänke vor der Außenbühne platz. Herrliches Wetter, nur etwas frischer Wind. Die Shantychorknaben haben sich in den vorderen Bankreihen versammelt. Durchweg Herren im Rentenalter. Weiße Hemden, schwarze Hosen, rote Halstücher, Seemannshüte. Einige rauchen Pfeife, andere genießen die Sonne, andere wiederum erzählen sich den neuesten Dorfschnack. Von Aufregung oder Lampenfieber keine Spur. Noch fünf Minuten bis zum Auftritt. Von rechts kommt jemand auf dem Fahrrad gemütlich angeradelt. Aus dem Pulk der Sänger ruft einer „Mensch Hein! Du? schon hier? Wir beginnen doch erst in fünf Minuten“, der bereits anwesende Teil vom Chor lacht lauthals und klopft sich auf die Schenkel. Hein macht ein Pokerface.

Plötzlich knattert von links ein Zweitakt-Dreirad vor die Bühne. Es wird von einem schnieken Typ um die 40 in Maßanzug gefahren, auf dem Beifahrersitz eine lächelnde Blondie mit einem Tablett Pinnchen und eine Flasche Korn in der Hand. Ich reime mir aus dem Gemurmel links und rechts von mir zusammen, dass es sich um den Besitzer des angrenzenden Spa Hotels handelt. „Ihr glaubt doch nicht, dass ihr anfangen könnt ohne, dass ich ne Runde Korn ausgegeben habe!“. Es scheint nicht zum ersten Mal so zu sein. Die Pinnchen werden gefüllt und verteilt. Dann heben alle das Glas, ein Ton wird angestimmt.
Das amtlich festgelegte Trinklied erschallt:

„Da wo man Koooorn trinkt, und ein Lieieieiedchen singt,
da isses schööööööhön auf der Welt!
Da wo man nach Hause kommt, und die Alte brommt,
da isses nich schööööhön auf der Welt!“

Dann Kopp im Nacken und weg mit dem Zeug! Der Anzugtyp und die Blondiene teilen den Rest aus der Flasche unter sich auf und knattern davon, während der Chor in einer Tür verschwindet und kurz darauf auf der Bühne erscheint. Der Chor etwas weiter hinten, vorne in der Mitte der Bambustrommeltrommler, rechts einer mit Akkordeon, links der Bassist.

Der Bassist ist ein Bassist wie er im Buche steht. Auch wenn es sich um einen Shantychor und nicht um eine Rockband handelt, der Bassist erfüllt jedes ihm zugedachte Klischee. Absolut ohne Mimik steht er stumpf und überwiegend bewegungslos in der Ecke und zupft seinen Bass. Seine Ähnlichkeit mit der Schauspielerin Brigitte Mira verblüfft mich. Brigitte Mira in männlich.

Der Akkordeonmann ist der Chef der Truppe. Er kündigt die einzelnen Lieder an und erzählt zwischendurch Anekdoten und Seemannsgarn. Ich muss ein paar mal herzlichst lachen. Fast jedes Lied hat an irgendeiner Stelle einen Solopart, der jeweils von einem anderen Chormitglied bestritten wird. Der Akkordeonmann stellt die Solisten vor dem Lied vor, und lässt es sich dabei nicht nehmen in charmanter, lustiger Art und in friesisch breiter Mundart eine körperliche oder charakterliche Eigenschaft des entsprechenden Solisten hervorzuheben. So z.B. bei Klaus:

„Sooo. Un das nääächste Lied, da kommt der Klaus nach vorn und singt een Solo. Nur damit sie sich nich wundern, der Klaus steht nich in einem Loch, der is wirklich so klein.“

Eine gute Stunde geht das so und es kommt gut an beim bunt gemischten Publikum. Ich stehe zwar nicht so sehr auf Shanty, aber die Anekdoten und die Stimmung tragen mich durch eine sehr amüsante Stunde. Die Typen sind einfach nur sympathisch und sie haben Spaß an dem was sie tun.

Anschließend setze ich meinen ursprünglichen Plan fort und mache einen ausgedehnten Spaziergang am Strand. Die Seeluft tut gut. Manch ein Shantyliedchen hat sich als Ohrwurm bei mir festgesetzt.
Ich atme tief ein und denke mir: Nicht nur da wo man Korn trinkt und ein Liedchen singt, isses schön auf der Welt. Sondern auch dort wo einem bei Sonnenschein die salzige Seeluft um die Nase weht.

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