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Wann warst Du eigentlich erwachsen?

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Sue Reindke fragt in ihrer aktuellen E-Mail für Dich: Wann warst Du eigentlich erwachsen?
Gute Frage. Manchmal glaube ich, ich werde nie erwachsen. Wir lernen täglich dazu. Und immer wenn ich denke, dass ich alles gesehen habe, dann kommt etwas, womit ich mal so gar nicht gerechnet habe. Und dann komme ich mir so dermaßen unerfahren vor. So ist das Leben. Wir werden jeden Tag mit jeder neuen Erfahrung ein Stück weit erwachsener. Aber auch wenn wir uns jeden Tag ein Stückchen weiter von unserer Kindheit weg bewegen, ein bisschen Kind bleiben wir immer. Also ich merke das zum Beispiel immer wenn ich an einer Hüpfburg vorbei komme.

Was hat mich denn nun erwachsen gemacht?

Vielleicht waren es diese Erlebnisse:
Der Tag, an dem ich zum ersten mal durch dieses Werkstor ging, und meine Lehre begonnen habe.
Die erste Nacht in meiner ersten eigenen Wohnung.
Der Tag, an dem ich durch das Kasernentor in eine andere Welt eingetreten bin, in der ich bis heute bin.
Der Tag, an dem ich zum ersten und bisher einzigen Mal einen Eid abgelegt habe.
Der Tag, an dem ich nach vielen schlaflosen Nächten beim Gesundheitsamt gesessen habe und mir man dort eröffnete, dass ich mich nicht mit HIV infiziert habe.
Der Tag, an dem mein Großvater von einem sturzbetrunkenen Pfarrer beerdigt wurde.
Der Moment, in dem ich durch das Sicherheitstor am Militärflughafen ging, und ich über meine Schulter blickte und sie weinen sah, mit dem Wissen, dass ich sie jetzt sechs Monate nicht in den Arm nehmen kann.
Die sechs Monate, in denen ich als junger Mann in meinem ersten Einsatz in Kabul verantwortlich für 70 Soldaten war und zum ersten mal verstanden habe, was es bedeutet „Verantwortung zu haben“.
Die Stunde, in der ich mir mit meiner an Demenz leidenden Oma immer und immer wieder die gleichen Geschichten erzählt habe, und wir uns dabei eine Tafel Schokolade geteilt haben.
Die sieben Wochen in der psychiatrischen Klinik.
Der Moment im Hospiz am Sterbebett meiner Mutter, in dem sie ihren letzten Atemzug machte.
Die Momente, die mir zeigen, dass Liebe schmerzhaft sein kann.

Erwachsen werde ich in Momenten, die mich hilflos erscheinen lassen, an denen ich (er)wachse, hinein wachse oder über mich hinaus wachse.

Und wann warst Du erwachsen?

Spiel des Lebens

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Seit einiger Zeit bin ich Abonnent von Sue Reindkes „Email für Dich“. Es sind einfach wunderbare Mails voll von Gedanken, die meine eigenen Gedanken schon vielfach angestoßen haben. Ich kann ihnen Sue Reindke wärmstens empfehlen.

In der letzten Mail ging es um Begabung und was man daraus macht. Sue zitiert einen Freund, der ihr sagte:

„Das Universum hat mir ziemlich tolle Karten in die Hand gedrückt, und ich habe das Gefühl, wenn ich in diesen Jahren gerade nicht alles heraushole, ist es so, als würde ich mich mit diesen Karten einfach nicht an den Tisch setzen, um mitzuspielen.“

Dieses erzeugte Bild mit den Spielkarten gefällt mir ausgesprochen gut. Diesen Gedanken kann man sehr schön weiterspinnen. Sehen wir unsere Begabungen als Spielkarten.

Ich hatte früher Tanten und Onkel, die immer sagten „Du kannst doch so schön dies und das, mach doch dies und das mal als Beruf“. Woher wollten die über meine Talente bescheid wissen? Keine Ahnung hatten die! Ich hatte meine Karten in der Hand, und wie es sich für einen guten Kartenspieler gehört, lässt man sich doch nicht in die Karten schauen. Und deswegen habe ich dann später auch etwas ganz anderes gemacht.

Später im Leben habe ich mir dann doch manchmal in die Karten schauen lassen. Zum Beispiel von Menschen, die ich sehr gern hatte oder gar geliebt habe. Einige haben das Wissen um meine Karten schamlos für sich ausgenutzt. Das war dann sehr verletzend als Verlierer dazustehen. Andere wiederum haben so getan, als ob sie mein Blatt nicht kennen und mit einem Blinzeln spielten sie ihre Karten dann so aus, dass es auch für mich von Vorteil war. Daraus habe ich gelernt und fortan sehr darauf geachtet wen ich in meine Karten schauen lasse und wen nicht.

In einigen Runden waren meine Karten schlecht. Ich dachte: „Mit so nem miesen Blatt kannst du hier nix reißen…“. Dann gab es zwei Möglichkeiten. Die erste: Man legt alle Karten ab und passt. Hin und wieder habe ich das getan. Ob es gut oder schlecht war, kann ich nicht genau sagen. Ich weiß ja auch nicht wie es ausgegangen wäre, wenn ich gespielt hätte. Wenn ich aber die zweite Möglichkeit in Betracht zog, nämlich einfach mal mein Glück mit diesen Karten zu versuchen, dann war das Ergebnis oft überraschend positiv.

Irgendwann bin ich auch mal an einen Falschspieler geraten. Zunächst war ich beeindruckt wie gut der alles so meistert und wie das Glück auf seiner Seite stand. Aber dann, durch eine kurze Unachtsamkeit seinerseits, weil er sich grade überheblich sicher fühlte in seinem Tun, da machte er einen Fehler und flog auf! Und dann hatte ich selbst plötzlich alle Trümpfe in der Hand.

Wir können die Karten, die uns das Leben zuspielt nicht oder nur wenig beeinflussen. Was wir aus diesem Kartenblatt machen können wir aber sehr wohl beeinflussen. Das Blatt einfach beleidigt auf den Tisch legen, die Runde passen, und auf ein besseres Blatt in der nächsten Runde hoffen ist eine Möglichkeit. Aber wenn wir es auch mit schlechten Blättern versuchen, dann können wir aus der Runde lernen und sind mit jeder Runde besser und um viele Erfahrungen reicher. Und am Ende gewinnen wir. Ganz sicher.

Und noch etwas ist wichtig: Wenn wir keine Lust mehr haben auf ein Kartenspiel, dann packen wir die Karten wieder zurück in die Schachtel, oder lassen die anderen alleine weiterspielen. Niemand ist gezwungen im Kartenspiel mitzuspielen, egal wie gut das Blatt gerade ist. Wenn wir glauben, dass uns ab jetzt Monopoly oder Mensch ärgere dich nicht besser gefällt, dann sollten wir in jedem Fall das Spiel wechseln. Ein Spiel zu spielen, das uns nicht gefällt, und wir es vielleicht nur mitspielen weil andere es für das richtige Spiel halten, macht unglücklich.

Also dann, in diesem Sinne, passen Sie auf mit wem Sie spielen, und spielen Sie nur etwas, das Sie auch selbst gerne spielen möchten.

Danke liebe Sue!

Warum ich gerne Wintersport kucke

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In diesen Tagen läuft ja viel Wintersport im Fernsehen. Ich war schon immer ein leidenschaftlicher Sportkucker. Sowohl live als auch im Fernsehen. Ich bin sehr gut darin mich für andere und über ihre sportlichen Leistungen zu freuen. Egal in welcher Disziplin.
Wintersport anzusehen finde ich besonders toll. Warum? Weil es so schön einfach ist. Man kann es so schön nebenbei anschauen. Bei vielen Sportarten musst Du am Ball bleiben. Mal eben aufs Klo gehen ist nicht. Ich weiß noch damals bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Nach dem 1:0 für Deutschland dachte ich, gut, jetzt kannze mal eben kurz auf Klo für Pippi. Nach ein paar Minuten kam ich zurück vor den Fernseher und traute meinen Augen kaum, 5:0 für Deutschland! So ein Mist! Einmal nur kurz pullern gewesen und das halbe Spiel dabei verpasst ….
Auch die Regeln sind bei vielen Sportarten komplizierter als beim Wintersport. Ständig wird da über Schiedsrichterentscheidungen diskutiert und ob es nun einen Videobeweis braucht oder nicht.
Ganz anders beim Wintersport. Da kannste mal eben die Wäsche aufhängen, und wenn Du wieder zurück bist wird regelmäßig eine Tabelle mit aktuellem Sachstand eingeblendet. So wirklich verpassen tut man da nix. OK, wenn zwischendurch spektakuläre Stürze sind oder neue Rekorde …. aber hey, das wird auch in jeder zweiten Zeitlupe dann nochmal gezeigt und analysiert. Und auch die Regeln sind denkbar einfach. Es geht einfach nur darum, wer als erstes ankommt oder wie weit er springt. Etwaige Tore im Schnee müssen ordnungsgemäß durchfahren werden, den Eiskanal darf man nicht über die Bande verlassen und ein Telemark am Ende sieht gut aus. Auch das Schießen beim Biathlon ist simpel: Weißer Punkt heißt getroffen, für jeden schwarzen Punkt ne extra Runde einlegen.
Es ist wunderbar entspannend und so herrlich unaufgeregt. Und noch ein Vorteil: Am Ende des Wettkampfes habe ich noch nie davon gehört, dass sich die Fans gegenseitig verprügelt haben, oder dass der Wettkampf unterbrochen werden musste, weil irgend so ein Idiot ein Bengalo gezündet hat.
Einen Nachteil hat die Übertragung von Wintersport am Wochenende allerdings: Die Sendung mit der Maus muss auf ARD den Wintersportathleten weichen. Deswegen freue ich mich dann auch irgendwann auf das Ende der ganzen Wintersportübertragungen.

Hallo 2018,

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sei gegrüßt und mach es Dir bequem. Dein Vorgänger war ganz schön wild, deswegen sehe ich etwas derangiert aus. Ich habe für Dich schon ein paar Dinge geplant. Zum Beispiel fahren wir im Sommer nach Berlin und nach Hamburg, um einen Triathlon zu bestreiten. Am Ende des Sommers fahren wir vermutlich mit meinem Vater in den Urlaub, worauf ich mich schon sehr freue. Beruflich habe ich auch schon das ein oder andere geplant. Wenn meine Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen ist, darf ich endlich mal wieder Truppenluft an der Basis in der Schlammzone schnuppern. Das wird ein riesiger Spaß.
Den Rest der Zeit darfst Du gerne verplanen. Aber lass es dabei bitte ruhig angehen. Es besteht kein Grund für Hektik. Lass uns neue Freunde kennenlernen und alte Freundschaften pflegen. Es reicht vollkommen aus, wenn wir uns nur mit Menschen abgeben, die wir gerne mögen. Und tu mir bitte den Gefallen, und hau mir nicht so feste auf die Schnauze wie Dein Vorgänger.

Liebes Jahr 2017,

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sowas wie Dich habe ich noch nie erlebt. Du warst Himmel hochjauchzend und zu Tode getrübt zugleich. Du hast mir die wunderbarsten Menschen in mein Leben gebracht und sie kurze Zeit später wieder weggenommen. Du hast mich Geduld gelehrt, und mir beigebracht, dass ich loslassen lernen muss. Du hast mir zweimal ein dickes Ende beschert, aber mir auch einen Neuanfang gegönnt. Du hast mir viel Zeit in Wartezimmern von Ärzten gegönnt, an dessen Ende dann doch nur ein mit den Schultern zuckender Arzt hinter seinem Schreibtisch saß. Du hast mir Selbstvertrauen gegeben, indem Du mich gelehrt hast ein sportliches Ziel zu setzen und es dann mit Willen und Fleiß zu erreichen.
Demut, Hoffnung und Glaube an mich selbst. Dafür danke ich Dir. Ich bin Dir nicht böse, aber 2018 darf es ruhiger angehen lassen als Du.

Du wirst mir lange in Erinnerung bleiben. Machs gut!

Stille Nacht

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Auch in diesem Jahr gibt es Soldaten, die den Heilig Abend im Einsatzland fern von ihren Liebsten verbringen müssen. Ich selbst habe diese Erfahrung gottseidank bisher nur einmal machen müssen. Aber dieser Heilige Abend wird mir für immer in Erinnerung bleiben.

In dem großen Verpflegungszelt steht ein geschmückter Weihnachtsbaum. Schummeriges Licht und Kerzen sollen wenigstens für etwas besinnliche Stimmung sorgen. Als im August durch das Einsatzführungskommando in Deutschland abgefragt wurde, wie viele Weihnachtsbäume in diesem Jahr für das deutsche Einsatzkontingent in Kabul benötigt werden, hat das noch ein leichtes Schmunzeln bei mir ausgelöst. Der Termin für die Anforderung von Weihnachtskulturmaterial ist bestimmt in irgendeinem logistischen Konzept für den Einsatz festgeschrieben. Da bin ich sicher.
Fast Alle Soldaten, die in dieser Stunde nicht irgendwo im Missionsgeschehen eingebunden sind, sind hier versammelt. Von meinen knapp 70 Männern sind alle da bis auf zwei. Einer liegt krank im Bett, vom zweiten berichtet mir einer meiner Feldwebel, dass er sich abgemeldet hat, weil er sich ebenfalls krank fühlt.
Es gibt Hirschgulasch, Knödel und Rotkohl. Es gibt für jeden sogar ein Geschenk: Ein Taschenmesser mit integrierter LED-Taschenlampe. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Auch wenn es gar nicht mal so ungemütlich ist, ich kann jedem aus dem Gesicht lesen, dass er eigentlich jetzt lieber mit Zuhause telefonieren würde anstatt hier zu sitzen.

Nach dem Weihnachtsessen gehe ich auf dem Weg zu meiner Unterkunft noch an meinem Arbeitsplatz vorbei, weil ich dort das Ladekabel für mein Handy vermute. Ich stutze, denn die Tür ist offen. Dann stutze ich nochmal: Ganz allein mit einer Kerze vor sich sitzt er da mit Tränen im Gesicht. Also hat er sich nicht einfach nur abgemeldet weil er sich krank fühlt. Ich schließe die Tür und setze mich zu ihm. Eine ganze Weile schweigen wir uns an. Irgendwann bricht er sein Schweigen. Er erzählt wie er an einem Heilig Abend beide Zwillinge mit einem Schlag durch einen plötzlichen Kindstod verlor. Wie er panisch versuchte beide gleichzeitig wiederzubeleben, während seine Frau den Krankenwagen gerufen hat. Von dem Hoffen und Bangen als der Notarzt alles versuchte, und von dem Moment als klar war, dass alle Mühen umsonst waren. Von der Zeit danach, und dass seitdem Weihnachten nicht mehr wie Weihnachten ist.
In meiner Ausbildung habe ich zum Thema Menschenführung vieles darüber gelernt wie man solche Situationen handhaben soll. Doch jetzt in diesem Moment lässt sich nichts davon anwenden.

Mein Zeitgefühl ist völlig weg. Irgendwann trocknen seinen Tränen und wir erzählen uns lustige Geschichten und von unseren peinlichsten Weihnachtserlebnissen. Als wir aufstehen, um zu gehen, nimmt er mich in den Arm. „Danke fürs zuhören.“

Auf dem Weg zur Unterkunft begegne ich niemandem. Meine Gedanken kreisen. Mir wird klar wie viel Glück ich eigentlich bisher im Leben hatte. Der Himmel ist sternenklar, alles ist still. Stille Nacht.

Seelenbeben

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Manchmal im Leben, da begegnen Dir Menschen, die verändern alles. Sie bringen Dein tiefes Fundament ins Wanken wie nie ein anderer zuvor. Sie reißen Deine Sicherungsseile aus den Ankern und alles was bisher war stellst Du auf einmal in Frage. Diese Menschen packen Dich an den Beinen, mit denen Du bisher fest im Leben gestanden hast und stellen Dich auf den Kopf. Das tut gut. Die neue Perspektive gefällt Dir und öffnet Dir Zugang zu völlig neuen Dingen. Deine Seele bebt.

Du lässt Dich darauf ein. Lässt das, was Dir bisher wichtig schien, hinter Dir. Du stellst fest, dass es andere Möglichkeiten gibt das Leben zu gestalten. Du siehst die Welt mit anderen Augen. Du lernst neu zu lieben. Du lernst wieder mit dem Herzen zu sehen. Dein Bauchgefühl verdrängt den längst in eine Richtung eingefahrenen Verstand. Du machst Dinge, die Du lange nicht mehr getan hast, wie zum Beispiel nackt in einem See schwimmen. Lachen fühlt sich eigenartig gut an. Du findest Dein inneres Gleichgewicht wieder, das Du schon längst verloren geglaubt hast.

Doch dann, ein blöder Tag, ein unüberlegtes Wort, ein Missverständnis … Und plötzlich Funkstille. Kontaktabbruch. Deine Briefe, Deine Mails, Deine Anrufe. Alles ohne irgendeine Reaktion. Du willst wissen warum. Du willst Dich entschuldigen, Missverständnisse beiseite räumen. Doch dazu bekommst Du keine Chance mehr.
Diese Ungewissheit, dieses „in der Luft hängen“, das zerreißt Dich innerlich. Doch Du kannst nichts daran ändern. Deine Seele bebt.

Stille.

Manchmal im Leben, da begegnen Dir Menschen, die sollen Dir etwas ganz bestimmtes beibringen:

Loslassen.

Autogespräche

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A45. Nachts so gegen 2 Uhr. Wir fahren schon eine ganze Weile schweigend vor uns hin. Mein Kumpel fährt, ich döse etwas angetütert von der Party vor mich hin.
„Ich bin übrigens trockener Alkoholiker“, unterbricht er plötzlich die Stille. „Ich meine nur, vielleicht wunderst Du Dich, dass ich keinen Alkohol trinke. Bisher weiß eigentlich niemand von meiner Alki-Kariere. Aber ich finde Du solltest es wissen.“
Ich richte mich etwas auf, schaue ihn an.
„Nein. Hat mich nicht gewundert. Ich dachte Du magst einfach kein Bier.“
Was folgt ist ein langes Gespräch darüber, wie man in die Sucht gerät, wie man wieder raus kommt oder auch nicht und wie unsere Gesellschaft es eigentlich gar nicht so recht akzeptiert, wenn Menschen auf einer Party einfach Alkohol ablehnen, ja dass diese Menschen da teilweise regelrecht ausgegrenzt werden. Und ich erfahre Dinge, die ich nie von ihm auch nur im Geringsten vermutet hätte.
Es ist eine Unterhaltung aus der ich viel für mich mitnehme und lerne. Für meinen Kumpel ist es hingegen erleichternd, dass er mir das alles erzählt.

A40. Rückweg von einer Familienfeier. Sie unterbricht die Stille mit der Frage „Liebst Du mich eigentlich noch?“. Was folgt ist ein Gespräch, das schon längst fällig gewesen wäre und am Ende der Fahrt ist auch die Beziehung zu ende, trotzdem steige ich irgendwie erleichtert aus dem Auto.

A4. Eine Dienstreise nach Leipzig. Der Kamerad am Steuer stellt die Frage „Habt ihr Euch schon mal im Einsatz so richtig in die Hose geschissen?“ Er berichtet davon wie er das erste mal auf einer Patrouillenfahrt in Afghanistan beschossen wurde. Von seiner Angst das nicht zu überleben und seine Familie nie wieder zu sehen, und wie er seit seiner Rückkehr versucht damit klar zu kommen. Wir sitzen auf dieser langen Fahrt zu viert im Auto und jeder beginnt von seinen Angsterlebnissen aus dem Einsatz zu erzählen. Und eines steht fest: Das Gesprochene bleibt in dieser Fahrgastzelle. Für immer.

Als Kind war ich mal sehr trotzig und bin komplett ausgetickt. Meine Mutter wusste sich nicht mehr zu helfen und rief meinen Vater an. Mein Vater kam, packte mich ins Auto und fuhr mit mir auf einen Parkplatz zu dem Kiosk, wo er mir schon oft eine Wundertüte gekauft hatte. Diesmal gabs ein Eis. Und im Auto ein Gespräch über Wut, Zorn, Tränen und Dinge, die das Auslösen und alles was mich in diesem Moment so sehr bewegte. Denn als Scheidungskind fiel mir der ständige Wechsel in den recht unterschiedlichen Welten von meiner Mutter und meinem Vater nicht immer leicht. Als ich aus dem Auto wieder aussteige kann ich wieder lachen und kann zumindest für eine ganze Zeit meine Sorgen im Auto zurücklassen.

Es gibt viele Orte an denen man solche Gespräche führen kann. In Filmen wird uns immer vermittelt, dass diese Gespräche am Abend im Bett und im Schutz der Dunkelheit stattfinden. Das mag vielleicht so sein. Ich habe jedoch viele solcher Gespräche in einem Auto geführt. Es mag auf den ersten Blick komisch klingen, dass ausgerechnet ein Auto die passende Umgebung dafür ist. Je länger ich drüber nachdenke, scheint diese Umgebung jedoch geradezu optimal: Keiner der Anwesenden kann die Flucht ergreifen, zumindest nicht während das Auto rollt. Die Gefahr, dass unbeteiligte mithören ist mehr als gering. Der Fahrer hat einen guten Grund warum er dem oder der anderen nicht dabei in die Augen schauen muss. Wenn durch Tränen die Wimperntusche verschmiert gibt’s für die Beifahrerin direkt nen Spiegel, um das wieder in Ordnung zu bringen. Und wenn man sich am Ende nichts mehr zu sagen hat, kann man das Radio laut anmachen.

Autogespräche. Vielleicht auch eine Möglichkeit die Krisen in unserer Welt zu beseitigen. Wer weiß.

Die Mitte des Lebens

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„Du hast wohl grade voll die Midlifecrisis!“
Diesen Satz musste ich mir jetzt schon zweimal anhören. Zum ersten mal, als ich mir nach langer Zeit mal wieder ein Motorrad gekauft habe, zum zweiten mal, als ich mich für einen Triathlon angemeldet habe.
Midlifecrisis. Ist auch so ein Modebegriff, mit dem sich die Gesellschaft erklären möchte, wenn Männer in der Mitte ihres Lebens einfach mal das machen, was sie gerne tun. Wer hat diesen beknackten Begriff eigentlich erfunden?
Und überhaupt: Krise. Ist das wirklich eine Krise? Für manche mag das zutreffen. Ich denke allerdings für die meisten gilt: Keine Spur von Krise. Im Gegenteil.

Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn man(n) sich in der Mitte des Lebens mal zurücklehnt und auf das bereits erreichte zurückblickt und sich fragt: Wars das? Was willst Du eigentlich noch machen? Was war gut, was schlecht? Was möchtest Du verändern? Ich finde sogar es muss sein. Genau an dieser Stelle. Denn nur wer die Vergangenheit mal kurz auswertet, kann diese auch letztendlich abhaken und nach vorne blicken. Der ein oder andere mag bei seinem Rückblick und beim Blick in die Zukunft eine Krise bekommen. Mag sein. Ich kenn aber auch viele, die an dieser Stelle im Leben keine Krise haben, das gewesene nüchtern auswerten und die Dinge, die sie schon immer ändern wollten, ändern. Endlich. Denn ab einem gewissen Alter traut man sich etwas zu ändern und die Sprüche der anderen sind einem dabei ganz egal.

Viele Dinge, die ich neuerdings mache, lassen sich auch ohne Krise leicht erklären.

Das Motorrad. Ich habe meinen Motorradführerschein schon mit 18 gemacht. Hatte dann auch ein Motorrad, bin viel gefahren. Doch dann gabs andere Schwerpunkte im Leben. Die Chefin fand Motorradfahren auch eher uncool. Also hab ich es gelassen. Jetzt vor einiger Zeit habe ich mich dazu entschlossen eine Ausbildung zum Fahrerlaubnisprüfer zu machen. Und da bietet sich ein wenig Fahrpraxis an. Man will ja auch wissen was man da bei Fahranfängern prüft, und nicht wie ein Blinder von der Farbe erzählen. Da habe ich mir halt wieder ein Motorrad gekauft. Nix wildes, nix schnelles. Einfach so ein Ding mit zwei Rädern, um ein bisschen entspannt durch die Gegend zu gondeln. In diesem Jahr bin ich erst einmal gefahren. Und vielleicht verkaufe ich das Ding demnächst auch wieder. Mal sehen. Jedenfalls hat das alles nix mit irgendeiner Krise zu tun, sondern mit Spaß und Interesse.

Der Triathlon. Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt, ob ich weiter fett sein will. Zum Beispiel wenn ich schnaufend die Treppe zum Bahngleis hoch bin und mich dann japsend in den Zug gewuchtet habe. Als dann in einer Kur an der Nordsee eine im sechsten Monat schwangere Bewegungstherapeutin mir beim Nordic Walking davon gelaufen ist, habe ich mir die Frage gestellt, ob es nicht an der Zeit wäre etwas zu ändern. Das habe ich getan. Seit dem: Mehr Bewegung, besseres Essen. Die Anmeldung zum Triathlon habe ich gebraucht, um ein Ziel zu haben, das mich motiviert regelmäßig Sport zu treiben. Und das hat super funktioniert.
Auch hier: Nix Krise. Vernunft und Wille nachhaltig etwas am eigenen Leben zu verändern.

Ich höre Euch jetzt alle rufen. Jaaaaaa. Aber ich kenne da einen, der hat sich letztens so einen völlig übertriebenen Sportwagen gekauft. So als Potenzverlängerung. Der macht jetzt nochmal einen auf wilde Jugend!
Nein. Mag sein, dass das so aussieht. Ich denke eher, er hat sich einen lang gehegten Traum erfüllt. Weil er jetzt erst das Geld dafür hat und weil er jetzt ein Alter hat, in dem er auf Eure Sprüche scheißen kann.

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Punkt.

Von einem Ort, an dem jeder sein darf was er will

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Ich bin spät dran. In etwa 30 Minuten macht der Laden zu. Als ich dort eintrete ist davon aber nicht viel zu merken. So ungefähr habe ich mir immer den Trubel in einem Konsum in der DDR vorgestellt wenn es dort Südfrüchte gab. Ich überlege kurz wieder zu gehen. Nein. Da muss ich jetzt durch.

Karneval ist ja nie so mein Ding gewesen. Auf Knopfdruck fröhlich sein, und dann in Verkleidung Bier trinken. Obwohl …. Biertrinken kann ich eigentlich ….
Seit mich der Dienstherr vor über fünf Jahren an den Standort Aachen versetzt hat, komme ich um das Thema Karneval nicht mehr so ganz herum. Zumal in unserer Kaserne an Weiberfastnacht jedes Jahr eine fast schon legendäre Party stattfindet, bei der man streng genommen nicht fehlen darf. Als ich im ersten Jahr dort hin gegangen bin, ging ich ohne Kostüm. Sozusagen aus Protest. Zu meinem Erstaunen war die Veranstaltung toll und so etwas fröhliches und harmonisches habe ich selten erlebt. Es war einfach eine tolle Party, nur eben in Verkleidung. Und im Jahr darauf hatte ich immerhin schon ein T-Shirt an, das mit dem Aufdruck „Das ist meine Verkleidung“ versehen war.
In diesem Jahr sollte es soweit sein: Zum ersten mal ein richtiges Kostüm. Als Thema hatten wir uns innerhalb einer kleinen Partygemeinschaft auf Rockabilly verständigt. Mein Vorschlag doch als Gemeinschaftskostüm Bierkasten zu gehen konnte sich nicht durchsetzen.
Über einen Onlinehändler meines Vertrauens hatte ich bereits eine passende Montur samt Perücke zur Hand. Als ich das Kostüm dann mit mir vor dem Spiegel betrachtete, sagte ich zu mir: „Das fetzt eigentlich nur richtig, wenn wallendes Brusthaar aus dem Hemd kuckt.“ Nur leider oder gottseidank bin ich damit nicht sehr reich gesegnet. Drei Haare auf der Brust machen eben doch keinen Bär.

Auf der Suche nach künstlichem Brusthaar bin ich nun in diesem Karneval-Superstore gelandet. Aus kreischenden Lautsprechern dröhnen die Karnevalshits der aktuellen Session. Ich versuche es zunächst in der Abteilung Perücken. Daneben das Regal mit Strumpfhosen. Zwei Damen erörtern gerade in welcher Strumpfhose „et Fett“ wohl am wenigsten friert. Als ich über das Perückenregal hinweg schaue sehe ich Catwoman. Ich habe diesen Film zwar nie gesehen, bin mir aber sehr sicher, dass Catwomen garantiert nicht so einen ausladenden Hintern hat. Catwoman ist mit ihrem Nachwuchs hier, der sich offensichtlich nicht zwischen Super- und Spiderman entscheiden kann.
Bei den Perücken gibt es jedenfalls kein Brusthaar. Ich suche nach einer Verkäuferin. In der Plüschabteilung zwängt sich ein Bär gerade in ein Hasenkostüm und meint „ey wennisch da kacken muss, bis isch dat wieder ussjezogen hab, da isses zu spääät…“.
Dann finde ich eine Verkäuferin. Überraschender Weise ist sie nicht verkleidet. „Ich suche ein Brusthaartoupet. Haben sie sowas?“, brülle ich gegen die Karnevalsmucke an. Die Dame mustert mich von oben bis unten und zurück. „Reischt et nisch wat ihnen die Natur zur Verfühjung jeställt hat?“ Sie grinst schelmisch. Ich nicht. „Naja, versuchen se et mal bei die Bärte.“
Auf dem Weg zu den Bärten komme ich an einem Piraten mit Papagei auf der Schulter vorbei, der gerade vor einem Spiegel verschiedene Augenklappen und Enterhaken an sich testet.
An Bartformen und –farben mangelt es nicht. Und nach etwas Wühlen finde ich sogar das wonach ich suche. Ich bin entzückt, ertappe mich sogar wie ich auf dem Weg zur Kasse etwas im Takt der Karnevalsmucke mitwippe. In der Warteschlange blicke ich nochmal zurück. Catwoman hat sich leider nicht für eine Nummer größer entschieden, dafür ist der kleine Junge jetzt ein Ninja Turtle. Der Bär aus dem Hasenkostüm steckt jetzt in einem Polizistenoutfit mit Plüsch-Handschellen in der Hand. Die beiden aus der Strumpfhosen-Abteilung haben sich für etwas weiß-lila gestreiftes entschieden und stehen nun vor mir an der Kasse.

Auf dem Weg zum Auto komme ich ins Grübeln. Eigentlich ist es doch schön, dass man wenigstens einmal im Jahr sein kann, wer man gern sein möchte. Dass man sich einmal im Jahr ganz legitim hinter einer Maske verstecken kann. Wie viele Menschen sich wohl im Alltag hinter einer Maske verstecken, ohne dass wir es merken. Wie gerne man manchmal jemand anderes wär. Und eine Uniform, die man im Dienst trägt hat auch etwas von Verkleidung. … Egal. Ich bin wie ich bin und habe jetzt ein Brusthaartoupet.

Mein Brusthaartoupet war übrigens der Renner auf der Party.

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